Tabuthema Psyche

Psychische Erkrankungen haben große Auswirkungen auf unsere Gesellschaft – und dennoch wird dieses Thema in der Öffentlichkeit zu wenig thematisiert. Welche Erkenntnisse die Wissenschaft zum Thema Psyche heute liefert, wie psychische Veränderungen gemessen werden können und wie wir lernen können, fürsorglicher mit uns umzugehen, lesen Sie hier.

 

Tabuthema Psyche
Psychische Veränderungen und damit assoziierte Erkrankungen sind weit verbreitet und eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Gleichzeitig ist es in unserer Gesellschaft leider ein Tabuthema, gilt als Makel oder Schwäche.
Psychische Veränderungen sind in ihrer Entstehungsphase nur schwer zu erfassen. Wie gelingt es dennoch diese kleinen Veränderungen frühzeitig messbar zu machen um Erkrankungen zu vermeiden? Wir haben über mehrere Jahre «harte Daten» und Kriterien erfasst, um diese in einem bio-psycho-sozialen Modell zu analysieren. In diesen Auswertungen führen folgende Bereiche zusammen:

  • Laboruntersuchung von Neurotransmittern und Cortisol
  • Selbsteinschätzung der inneren Haltung, Persönlichkeit und Symptomatik durch Fragebögen
  • Messung physiologischer Reaktionen: Regeneration und Belastungen im Alltag

Durch diese ganzheitlichen Daten können wir eine exakte Standortanalyse erstellen die erkennen lässt, inwiefern Verhalten und Psyche der untersuchten Person miteinander zusammenhängen und wie diese bereits verändert sind.

 

Psychische Erkrankungen nehmen zu
Psychische Erkrankungen zählen heute zu einem der größten Risiken im Leben eines Arbeitnehmers. Unsere Messungen in Unternehmen zeigen immer wieder ähnliche Ergebnisse: Etwa ein Drittel der untersuchten Personen zeigen sehr auffällige Symptome und eine deutliche Beeinträchtigung der Befindlichkeit und Psyche, ein weiteres Drittel zeigt ausgeprägte Symptome bei gleichzeitig funktionierenden Coping-Mechanismen und das letzte Drittel zeigt wenig oder keine Symptome bei gleichzeitig guter Befindlichkeit. Epidemiologisch betrachtet kommen wir zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen wie auch große randomisierte Kontrollstudien zum Thema psychische Veränderungen.
Welche Ansätze können hier hilfreich sein? Ein erster Schritt: Dieses Thema gehört unbedingt enttabuisiert. Psychische Veränderungen gehören zu unserem Leben. Es ist normal, dass wir auf belastende Ereignisse in unserem Leben emotional reagieren. Die Frage ist, wie schnell wir uns wieder von diesen Veränderungen erholen und ob diese ein dauerhafter Zustand werden.
Es ist zu vergleichen mit einem intensiven Infekt. Dieser geht vorbei, wenn man sich entsprechend um sich kümmert und sich ausruht. Wenn man dies ignoriert, werden Beschwerden chronisch und die Auswirkungen halten deutlich länger an. Das trifft so auch auf die Veränderung der Psyche zu.
Hier kann das Testverfahren bereits in einer ersten Veränderungsphase Klarheit bringen.

 

Transfer neuer Erkenntnisse aus der Wissenschaft
Dieser neurobiologische Ansatz verbindet Labordaten mit Verhalten und inneren Absichten. Unsere innere Haltung beeinflusst entscheidend warum wir etwas tun oder eben nicht tun. Die Zusammenhänge zwischen harten Labordaten und Verhalten sind evident: Sind beispielsweise die Katecholamine als eine Stress-Anpassungsreaktion nach oben reguliert, so treten verstärkt Nervosität, innere Unruhe, körperliche Ruhelosigkeit oder auch die Unfähigkeit zur Entspannung auf. Sind die Werte nach unten reguliert, so sind die Folgen Verlust von Antrieb, Erschöpfung sowie das Auftreten von starken Emotionen wie Angst/Ängstlichkeit und/oder Traurigkeit.
Eine weitere Erkenntnis ist der Zusammenhang zwischen der Psyche und einer mangelnden Regeneration, die man mit der Herzratenvariabilität messen kann. Dieser Einblick in unsere Physiologie hilft deutliche Verluste in der regenerativen Fähigkeit frühzeitig zu erkennen, um dann gezielt intervenieren zu können.
Und die unterschiedlichen psychografischen Daten aus den Fragebögen ergeben Bild über Ursachen der Veränderungen. Für einen nachhaltigen und systemischen Ansatz ist diese Erkenntnis unerlässlich.

Eine ganzheitliche Lösungsstrategie fokussiert dann zunächst auf eine kurzfristige Unterstützung der Neurobiologie (meistens durch biologische Vorstufen, keine Medikamente), um das System in Balance zu bringen. Eine Verhaltensveränderung kann nur dann erfolgreich stattfinden, wenn ein neurobiologisches Gleichgewicht vorhanden ist. Viele Menschen sind zu erschöpft um Neues in Ihrem Alltag umgesetzt zu bekommen. Deshalb scheitern auch viele Strategien die ausschließlich auf Verhaltensebene ansetzen.   
Erst wenn Energie, Antrieb oder auch emotionale Ausgeglichenheit wieder vorhanden sind kann können neue und nachhaltige Gewohnheiten auf Verhaltensebene etablieren werden. Dazu gehört dann auch die Verbesserung der Regeneration insbesondere im Schlaf. Aber auch tagsüber sind sog. kurze Mikropausen (2-5 min) enorm wichtig: Sie trainieren und aktivieren unsere regenerative Fähigkeit. Hier sind v.a. Achtsamkeits-basierte Übungen State-of-the-Art.   
Natürlich gibt es auch einige wirklich schwerwiegende psychische Veränderungen die eine medikamentöse Therapie notwendig machen. Dennoch werden Psychopharmaka heute aufgrund des enormen Zeitmangels im Medizinsystem zu schnell und zu oft verschrieben. Ein ganzheitlicher Ansatz ist sicher langwieriger, aber ohne Nebenwirkungen und vor allem nachhaltig.

 

Selbstwirksam Veränderung bewirken
Durch die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften wissen wir heute wie das Thema Selbstwirksamkeit und Veränderungsbereitschaft gezielt unterstützt werden können. Das hat maßgeblich mit unserem neurobiologischen Gleichgewicht und der Fähigkeit des Gehirns wieder
«lernen zu wollen» zu tun.
Es hat aber auch maßgeblich mit Regelmäßigkeit zu tun. Insbesondere bei Achtsamkeits-basierten Übungen sind zu Beginn zwei Minuten jeden Tag über einen Zeitraum von 3 Monaten bereits in der Lage, in unserem Gehirn neue und stabile neuronale Vernetzungen auszubilden. Damit entstehen neue Gewohnheiten.
Es ist aber unsere innere Haltung die beeinflusst, wie wir in der Lage sind mit schwierigen Phasen umgehen. Daher ist es wichtig, dieses Thema zu enttabuisieren und offensiv positiv damit umzugehen. Eine gute Selbstwahrnehmung, ein hoher Grad an Präsenz und eine innere Haltung des «annehmen was ist» ermöglichen uns souverän mit psychischen Veränderungen umzugehen.

 

Start where you are.
Use what you have.
Do what you can.